Was Sie vor der Anschaffung von Kaninchen beachten sollten

Angefangen hat eigentlich alles damit, dass mir plötzlich die wunderbar lauschige und schattige Stelle unter unserer riesigen kanadischen Kiefer aufgefallen ist. Genau genommen gab mein Mann den Anstoß: Er bemerkte anlässlich einer Geburtstagsparty: „ Schau mal, wie wohl sich unsere Gäste im Schatten der Kiefer fühlen.“ Ja, da hatte er vollkommen recht! Und wenn sich dort schon Gäste wohl fühlten, dann müsste es Kaninchen doch ebenso ergehen, dachte ich. Wir waren erst vor kurzem in unser neues Haus gezogen und bisher teilte erst ein einziges Tier, unser Kater Felix, das Leben mit uns. Da war also noch ein gewisser Spielraum vorhanden.
Da mein Mann erst mal nichts gegen den beabsichtigten Familienzuwachs einzuwenden hatte (da wusste er noch nicht, was auf ihn zukam), stürzte ich mich ins world wide web, um alles über die Haltung von Kaninchen in Erfahrung zu bringen. Denn auch wenn ich mich zu diesem Zeitpunkt mit dem Tierschutzgedanken noch nicht bewusst auseinandergesetzt hatte, war mir doch eines klar: Die neuen Familienmitglieder würden niemals in einen handelsüblichen Käfig gesteckt werden, um dann und wann im Sommer im Freilauf hoppeln zu dürfen. Da musste es doch andere Möglichkeiten geben. Über zahlreiche, sehr informative Kaninchenforen entdeckte ich ein von Ruth Morgenegg geschriebenes Buch: „Artgerechte Haltung – ein Grundrecht auch für Zwergkaninchen“. Die Autorin stellt u.a. fest: Kaninchen haben ein enormes Bewegungsbedürfnis. Diesem Bewegungsdrang kann – zumindest annähernd – lediglich ein gut konstruiertes Außengehege Genüge tun. Das leuchtete mir ein: Keine Käfig-, sondern Gehegehaltung! Und den idealen Platz hatten wir ja! Die lauschige Stelle unter der kanadischen Kiefer, da, wo sich alle Gäste immer so wohlfühlen! Oder sollte ich besser sagen: Immer so wohlgefühlt hatten? Ich will es vorweg nehmen: Heute können es sich Gäste nur noch auf unserer Terrasse gut gehen lassen. Der Platz unter der Kiefer ist nun einem recht großen Kaninchengehege vorbehalten, das mein Mann in wochenlanger, sehr harter Arbeit erstellt hat. Sehr viel einfacher wäre es sicher gewesen, unseren neuen Familienmitgliedern einen Käfig im Zoogeschäft zu kaufen, so wie es die meisten Menschen machen, die sich Kaninchen anschaffen. Die Kaninchen werden in den, wenn es hoch kommt, 1,20m großen Käfig gesetzt und nach einiger Zeit nur noch zum Füttern und Saubermachen besucht. Was soll man auch mit Ihnen anfangen? Die meisten Kaninchen lassen sich nicht gerne auf den Arm nehmen und streicheln. Sie sind nun mal keine Kuscheltiere für Kinder, auch wenn 80 Prozent der Menschen, die Kaninchen aufnehmen, dieser Meinung sind. Die Kaninchen haben große Angst, beben und zittern, wenn sie grob aus dem Käfig gerissen werden, um das Streichelbedürfnis von Kindern zu befriedigen. Das macht dann den Kindern auch keinen Spaß mehr, und sie verlieren sehr schnell das Interesse an den eingesperrten Kreaturen. Jetzt werden sich einige von Ihnen fragen: Ja, warum haben Sie sich denn ausgerechnet für Kaninchen entschieden? Was kann man denn mit denen anfangen? Darauf gibt es nur eine Antwort: Man kann sie beim Leben beobachten und sie versorgen. Das Letztere ist harte Arbeit (darüber sogleich mehr). Der Lohn ist allerdings – für Menschen, die diese Tiere zu schätzen wissen – sehr hoch: Jeden Tag Tier-Fernsehen live. Und zufriedene, gesunde Hasenmuckel, die vertrauensvoll ihre Näschen an Ihre Hand drücken. Ein Moment, der mich völlig zufrieden macht.
Die Kaninchenshow gibt es aber eben nicht im Käfig, da schauen die zur Bewegungslosigkeit verdammten Hoppler nur trübsinnig durch die Gitter. Keiner ihrer „Einkerkerer“ kommt je in den Genuss, ihr wunderschönes arteigenes Verhaltensrepertoire kennenlernen zu dürfen. Derjenige, der das möchte, muss zu Opfern bereit sein:
Der Bau des Geheges hat meinen Mann viel Zeit, Kraft und handwerkliches Geschick gekostet. Das Gehege muss zum einen gegen den Ausbruch der Kaninchen und andererseits gegen den Einbruch durch andere Tiere (Marder, Füchse) gesichert werden. Dann kann man auch beruhigt mal in Urlaub fahren, ohne sich ständig die Frage stellen zu müssen, ob die Kaninchen noch da sind, wenn man wiederkehrt. Das macht man nicht eben mal nebenbei. Die Verarbeitung hochwertiger Materialien, wie verzinktem Vierkantdraht (der grüne Kaninchendraht wird bereits von den Bewohner-Kaninchen in kurzer Zeit zerlegt) und witterungsbeständigem Holz für eine Schutzhütte, ist nicht gerade preiswert, aber eben unerlässlich. Kälte macht Kaninchen nicht viel aus, aber im Sommer brauchen sie dringend Schatten, sonst droht ihnen der Hitzetod. Unser schönster Schattenplatz steht deshalb nicht mehr uns, sondern den Tieren zur Verfügung. Und der Garten von Kaninchenhaltern sieht insgesamt auch irgendwie anders aus. Dieser Eindruck entsteht dabei nicht nur durch das große Gehege, das manch einen unserer Besucher schon zu der Frage veranlasst hat, ob wir einen Zoo betreiben. Nein, im ganzen Garten sieht man Heu- und Strohhalme rumliegen und das Gartenhaus, einst zur Aufbewahrung von Gartenmöbeln und Gerätschaften angeschafft, ist voll mit Futterutensilien, Strohballen und Mistkübeln.
Apropos Futter: Kaninchen lieben frisches Gemüse. Jeden Tag bin ich unterwegs, um welches zu besorgen, denn ich möchte sie nicht mit dem handelsüblichen Trockenfutter mästen, das Kaninchen, deren Verdauung auf Getreide gar nicht ausgelegt ist, viel mehr schadet als nützt. Ein auch nicht zu unterschätzender Kosten- und Zeitfaktor!
Und vergessen Sie bei all dem auch nicht, dass leider nicht immer die Sonne scheint. Im Gegenteil, meistens regnet es, und es ist fürchterlich nass und kalt. Und trotzdem muss der Kaninchenhalter mehrmals täglich raus, um die Tiere zu versorgen. Gerade heute Morgen hat es stürmisch geschneit. Und ich bin in Gummistiefeln und Regenmantel (über dem Schlafanzug) im Garten zwischen Gehege und Gartenhäuschen hin und hergelaufen, um Toiletten auszuleeren, um es den Hasis mit einer extra dicken Strohschicht schön gemütlich zu machen (etliche Strohhalme zieren zurzeit den mit Schnee bedeckten Rasen). Und habe dabei selbst erbärmlich gefroren. Plötzlich ist unsere Mucki, die drei Jahre ihres Lebens in einem kleinen Gitterkäfig hinter der Tür einer dunklen Abstellkammer zugebracht hat, voller Lebensfreude durch den Schnee gesprungen. Dabei hat sie vier einwandfreie Hasenhaken geschlagen und mich dann aus ihren klugen grauen Augen verschmitzt angelacht. Ich frage Sie: Möchten Sie da nicht auch morgens in lausiger Kälte im Schneesturm durch den Garten laufen? Ich möchte es, denn meine Kaninchen geben mir so viel zurück, so oft kann ich gar nicht bei Mistwetter Kaninchentoiletten saubermachen.
Nicht zu vergessen ist auch, dass Kaninchen zweimal jährlich gegen Myxomathose und RHD geimpft werden müssen. Und das gilt nicht nur für die Tiere, die draußen gehalten werden! Auch die im Hause lebenden Kaninchen können ohne weiteres durch Insekten, wie zum Beispiel Mücken, infiziert werden. Das ist den meisten Menschen gar nicht bekannt. Und die müssen dann den qualvollen Tod eines an Myxomathose erkrankten Tieres miterleben. Aber auch viele Kaninchenhalter, die um die Infektionsgefahren wissen, lassen ihre Tiere nicht impfen. Denn es ist ja billiger ein neues Tier anzuschaffen, als die Impfungen zu bezahlen. Dass die Tiere unter schlimmsten Schmerzen qualvoll verenden, interessiert nicht.
Das Vorstehende zeigt: Kaninchenhaltung, die nicht im bloßen Wegsperren der Tiere besteht, kostet Zeit, Kraft und Geld!
Sollten Sie mit dem Gedanken spielen, sich Kaninchen anzuschaffen, bedenken Sie deshalb bitte: Davon ausgehend, dass Kaninchen keine Kuscheltiere für Kinder sind, macht die Anschaffung nur Sinn, wenn Sie Freude am Beobachten von Tieren haben. Da es im Ein-Meter-Käfig rein gar nichts zu beobachten gibt, außer zur absoluten Bewegungsunfähigkeit verdammte, arme Kreaturen, ist ein Gehege fast schon Voraussetzung für eine zumindest annähernd artgerechte Kaninchenhaltung. Der Bau eines Geheges kostet Geld und viel Kraft, ganz abgesehen davon, dass sich der Garten komplett umgestaltet. Darüber hinaus fallen die oben beschriebenen zahlreichen, täglichen Arbeiten an. Sollten Sie nicht bereit sein, diese Voraussetzungen zu erfüllen, kann ich Sie nur bitten, von der Kaninchenhaltung Abstand zu nehmen. Ich bin mir sicher, dass einige Leser dieses Artikels denken: „Meine Güte, was für ein Umstand nur wegen Kaninchen, die werden doch immer in Käfigen gehalten“. Leider bin ich in der letzten Zeit sehr oft mit dieser Aussage konfrontiert worden. Die Haltung wird als einfach angesehen, und da ein Hund zuviel Arbeit macht, müssen eben Kaninchen her. Meistens für die Kinder. Es wird komplett übersehen, dass es sich um Tiere handelt, die zum Laufen geboren sind. Um Tiere, die ihr arteigenes Verhalten nur in der Gruppe ausleben können und in Gefangenschaft Abwechslung und Beschäftigung benötigen. Ich kann kaum nachvollziehen, dass Menschen wirklich der Meinung sind, Kaninchen seien mit einem – meistens sogar noch einsamen – Leben auf engstem Raum zufrieden. Ich versuche immer wieder, diese Menschen auf das Leid der so gehaltenen Tiere aufmerksam zu machen. Dabei scheitere ich jedoch meistens. Meine „Einmischung“ wird als unzulässiger Eingriff in die Privatsphäre gewertet. Jegliche Argumente, werden abgeblockt.
Mit diesem Artikel erhoffe ich mir, ein paar Menschen zumindest zum Nachdenken anregen zu können. Um so wenigstens einigen Tieren ein stumpfes Käfigdasein zu ersparen.
Autor: Susanne Thomas
Bilder: copyright: Tanja Hoppmann

